Cheat ‚em up!?

Mit manchen Sachen weiß ich nicht so richtig umzugehen. Dreiste Lügen zum Beispiel. Was mach ich damit? Bin ich persönlich beleidigt, weil derjenige glaubt, ich wäre so dumm ihm zu glauben? Ist es mir gleichgültig, weil ja eigentlich der andere einen Schaden davon hat und nicht ich selbst? Bin ich besorgt um den Lügner, weil er offenbar mit ein paar persönlichen Diskrepanzen zu kämpfen hat? Was tue ich, wenn ich für den Lügner in irgend einer Form verantwortlich bin?

In diesem Semester halte ich eine Übung zur Vorlesung „Algorithmen und Datenstrukturen“. Die Vorlesung richtet sich an Erstsemester – unverbrauchte, offene, neue Studenten. Das Fach ist nicht gerade ein einfaches und man muss viel dafür arbeiten. In den Übungen wird die Zulassung zur Prüfung am Ende des Semesters erarbeitet. Dafür müssen die Studenten Übungsaufgaben bearbeiten, lösen, diese in unser elektronisches Einreichsystem hochladen und ihre Lösungen in der Übungen vortragen. So ist das wohl gang und gebe an vielen Unis.

Das schöne an unserem Einreichsystem ist, dass ich vor der Übung alle Einreichungen der Studies aus meiner Übungsgruppe angucken und kommentieren kann. Ich habe also einen schönen Überblick darüber, was wie gelöst wurde und wo es eventuell Schwierigkeiten gab. Eigentlich. Wenn diese Einreichungen denn das wahre Meinungsbild widerspiegeln würden. Der Überblick lässt mich nämlich auch erkennen, wenn sich zwei Lösungen seeehr ähnlich sehen. Ok, das ist erstmal nichts Schlimmes. Das wurde schon immer gemacht – kopiert. Da wurde ein Kommilitone um Hilfe gefragt, ob er vielleicht mal seine Lösung zur Verfügung stellen kann. Hat man das das ganze Semester durchgezogen und sich so seine Prüfungszulassung erschlichen, hat es sich spätestens in der Klausur gerächt, man ist sang- und klanglos durchgefallen und durfte dann zur Wiederholungsprüfung antreten. „Erwische“ ich einen Studie, dass er eine kopierte Lösung eingereicht hat, die er dann nicht an der Tafel erklären kann, wird die Einreichung gestrichen (ist im letzten Jahr leider vorgekommen). Gerecht.

Aber wenn mir jemand ein komplexes Stück Code ohne Kommentare und Testdaten einreicht, das vom System syntaktisch und semantisch korrekt bewertet wird und als Kommentar reinschreibt, die Testdaten fehlen, weil er seinen Interpreter immernoch nicht zum Laufen gebracht hat und er das Programm mit Hilfe von Guides und Tutorials geschrieben hat – da fehlen mir erstmal die Worte. Dann werde ich wütend, weil ich mich für dumm verkauft fühle. Dann kühle ich mich wieder ab und denke „Pff, er ist erwachsen, wenn er meint, dass er so weiter kommt – soll er machen“.  Aber eine gute Art und Weise zum Umgang mit solchen Vorfällen habe ich für mich noch nicht gefunden.

Klar googelt man, wenn man vor einem Problem steht und nicht weiter kommt. Klar sucht man sich Inspiration im Netz. Klar fragt man andere um Rat. Aber ich hasse es, dass einige der Studies diese dreiste Masche drauf haben und alles kopieren. Ich will das nicht. Ich will ihnen helfen, dass sie es schaffen, die Probleme allein zu lösen. Aber wenn ich die Einreichungen durchbrowse und 10 mal den gleichen Rechtschreibfehler in einem Kommentar finde, kommt mir einfach nur die Galle hoch. Also, wie reagiere ich?

Bin ich persönlich beleidigt? — Nein, schlechte Idee, das ist ja nicht gegen mich oder meine Person gerichtet.

Ist es mir egal, weil die Studies erwachsen sind und für sich selbst verantwortlich sind? — Nein, egal ist es mir nicht, es ist mein Job ihnen was beizubringen und ihnen dabei zu helfen, Probleme lösen zu lernen.

Bin ich besorgt? — Ja, das bin ich. Wahrscheinlich muss ich härter durchgreifen. Kämpfe kämpfen. Aber eigentlich will ich kein Gegeneinander … ich muss nachdenken.

[photo credits: Melissa Gray]

4 Kommentare

  1. Zusatzpunkte/Boni vergeben für:
    – kreative Lösungsansätze
    – optimierten Code

    Vorgaben erteilen für:
    – Variablen, Konstanten, Klassen (beispielsweise Initialien des Studenten hinten dran?) – so muss er den Code wenigstens lesen
    – für Funktionsbezeichnungen das gleiche Spiel

    Kommentare limitieren auf max. 2 Zeilen aufeinanderfolgend und min. 1 Kommentarzeile je logischer Einheit (ok, da würde ich mich übergeben)

  2. Hm … in Mathe haben wir für identische Lösungen normal bewertet, aber die Punkte jeweils durch die Anzahl der identischen Lösungen geteilt. Rekord war dritteln.

    Wenn Du Dich tatsächlich so ärgerst, könntest Du den Student zu einem Termin bitten und ihm klarmachen, dass er im Laufe des Studiums nochmal Deine Hilfe brauchen könnte und dass Lügen Deine Bereitschaft enorm verschlechtern würden.

    Ärger Dich nicht, Du hast doch ein riesiges Arsenal an Möglichkeiten. Z.B. kann man Betrugsversuche auch nachträglich noch erkennen, die dann üblicherweise mit Aberkennen der Leistung = keine Übungspunkte für die jeweiligen Serien belohnt werden. Wie wäre denn Einladen zu einem Termin, sehen wie das Gespräch läuft, und wenn es doof läuft, ankündigen, dass Du rückwirkend nochmal alle Serien von ihm prüfen wirst.

    Wähle Deine Strategie, junger Padawan!

  3. Ich habe keine Ahnung, was du genau machst. Ich nehme mal an „Uni-Assi“?! 😉

    An meiner damaligen Alma Mater waren die Lehrenden etwas gelassener (ausser bei extremen Dreistigkeiten). Alle wussten, spätestens bei den anstehenden Prüfungen, Examina etc. hatten sie uns. 🙂

  4. Ja, „Uni-Assi“ trifft es wohl (obwohl der Begriff bei uns eher nicht gebräuchlich ist). Danke für Eure Vorschläge und Gedanken zum Thema. Mit ein paar Tagen Abstand sehe ich die Sache nun auch schon gelassener. Mal sehen wie sich das im Semester so entwickelt.

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