Die Guttenberg-Affäre

Unser Verteidigungsminister Herr zu Guttenberg hat sich also seinen Doktortitel durch Abschreiben erschlichen (oder erschleichen lassen), die Lüge ist aufgeflogen und nun ist er kein Doktor mehr.

Gestern hat er auf einer Wahlkampfveranstaltung eingeräumt, dass er bei der Erstellung seiner Dissertation „gravierende Fehler gemacht“ hat und „an der ein oder anderen Stelle den Überblick über die Quellen verloren“ hat.

Ja, wenn man so eine Arbeit schreibt, häuft sich viel Papier an, Publikationen anderer Wissenschaftler, Bücher, Konferenzbeiträge, die man zitieren will und muss, um die eigene Arbeit mit diesen Arbeiten in ein Verhältnis zu bringen, Definitionen daraus anzugeben, konträre Ansichten gegenüberzustellen. Das ist viel Arbeit, man muss viel lesen und schreiben, und manchmal droht man sich auch zu verzetteln. Das gehört zum Prozess des Schreibens so einer Arbeit dazu.

Aber dass man von über 80 Textpassagen nicht mehr weiß, ob man sie selbst geschrieben hat oder ob sie von jemand anderem stammen, dann ist das einfach eine dreiste Lüge. Das ist Quatsch. Man weiß, was man selbst gemacht hat und was nicht. Etwas anderes zu behaupten und zu hoffen, dass die anderen das glauben, verkauft die anderen für dumm und ist einfach respektlos gegenüber anderen Wissenschaftlern und Studierenden, die auf ehrliche Weise wissenschaftliche Arbeiten abfassen.

Da gibt nun der Herr Verteidigungsminister ganz reumütig seinen schicken Doktortitel ab und denkt, nun ist alles wieder gut. Aber was er damit gemacht hat, ist ein herber Schlag gegen die Wissenschaftskultur in Deutschland und Europa.

16 Kommentare

  1. Um korrekt zu bleiben: Er ist noch Doktor. Er kann den Titel nicht einfach ablegen. Er kann ihm nur aberkannt werden. Durch die Uni Bayreuth. Und dort läuft gerade der dafür vorgesehene Prozess dafür. Es wird für die Uni nur einfacher mit seinem Schuldeingeständnis.

  2. Gebe ich dir recht! Es nahezu unmöglich sich in diesem Umfang zu verzetteln (im wahrsten Sinne des Wortes 🙂 ).

    Wie auch immer, wer akademische Grade nur für seine Karriere braucht, der ist auf diversen Schweizer Privat-„Unis“ besser aufgehoben …

  3. Wobei es ja nicht einmal sicher ist, dass er selber kopiert hat – der noch viel größere Hammer wäre es ja, wenn tatsächlich der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages seine Dissertation verfasst hätte…

  4. Der wissenschaftliche Dienst war es nicht – von dem hat er nur ein Dutzend Seiten genutzt. Aber ein echter Ghostwriter so unwahrscheinlich wahrlich nicht.

  5. @Konrad

    Natürlich hast Du recht, dass er noch Doktor ist. Man kann diesen Titel nicht einfach zurückgeben; er gehört zum Namen. Ich denke aber, dass es im Ermessen jedes Einzelnen liegt, ob er mit „Frau/Herr Dr. XY“ angesprochen werden möchte. Ich kann mich einer anderen Person auch nur mit meinem Vornamen vorstellen, obwohl der Nachname auch zum Namen gehört (in der Zeile „Name“ zu diesem Kommentar habe ich es ja auch nicht anders getan 😉 )

    @Katrin

    Ich finde die Menschen schlimmer, die den Guttenberg in Schutz nehmen.
    Ich habe den Eindruck, dass das kopieren und abschreiben heutzutage verharmlost wird. Man hat schnell etwas aus dem Internet kopiert oder eine CD mit dem Brenner vervielfältigt. Dadurch scheint es im Laufe der Jahre zu alltäglich geworden zu sein.

    Ich habe im meinem Studium auch immer sehr genau darauf geachtet, dass alle Fußnoten in meinen Hausarbeiten korrekt angegeben sind. Vor Abgabe habe ich mir angewöhnt meine Hausarbeiten sehr genau daraufhin zu überprüfen, ob alle Fußnoten vorhanden sind. Natürlich ist dies keine Garantie dafür, dass ich mal eine Fußnote fehlt. Gerade bei indirekten Zitaten kann es durchaus der Fall gewesen sein, dass ich in der Fußnote kein Vgl. gesetzt und bei einer späteren Kontrolle übersehen habe. Ich denke aber, dass so etwas unter das Motto „human irrtum est“ fällt. Solche kleineren Fehler kann man sicher verzeihen, wenn es beim Lesen einer dritten Person überhaupt auffällt.

    Wie Du schon erwähnt hast, Katrin, kann man bei der Arbeit vom Herrn zu Guttenberg nicht davon ausgehen, dass mal eine Fußnote nicht vergessen wurde.

    Ich bin mal gespannt, wie diese Sache enden wird.

    Liebe Grüße

    Raphael

  6. Ich find es eher für Universität traurig, dass die Arbeit anscheind nicht korrekt geprüft wurde. Na da bin ich ja mal gespannt, welche Wellen das noch schlägt. Die wissenschaftliche Arbeit von Herrn Westerwelle wurde ja auch schon aufs Korn genommen: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/34/34227/1.html.
    Sehr lesenswert… man ey da bin ich richtig pissig, dass ich kein Politiker bin, denen nimmt man sowas ja nicht übel…

  7. @Raphael: Tragen wollen oder nicht. Man konnte in den letzten Tagen den Eindruck gewinne, KT legt seinen Titel ab um einem förmlichen Aberkennungsverfahren der Uni zu entgehen. Das kann er nicht.
    Er hat sich da wohl zu sehr an seinen steuerhinterziehenden Parteikollegen orientieren wollen.

  8. Hallo Katrin,
    besten Dank für Deinen Blogpost! Ich habe mir in den letzten Tagen auch so meine Gedanken darüber gemacht, ob ich mich jetzt öffentlich darüber aufregen sollte oder nicht. Dabei herausgekommen ist dann aber ’nur‘ ein eher ungewolltes Interview zum Thema Plagiaterkennung und Suchmaschinen in der Potsdamer ‚Märkischen Allgemeinen‘ 🙂 .

    Natürlich habe ich mich schon oft darüber aufgeregt, dass Doktortitel nicht immer gleich Doktortitel ist. Vergleicht man dabei einen Mediziner mit einem Ingenieur oder Informatiker, dann kann man Mediziner meist nur milde belächeln. Aber nicht nur bei Medizinern, sondern auch bei vielen Geistes- oder Gesellschaftswissenschaftlern ist die Dissertation selbst die erste (eigenständige) Veröffentlichung. Da sind wir in den Ingenieurwissenschaften etwas besser dran, da wir üblicherweise erst einmal auf Workshops, internationalen Konferenzen und Journalen publizieren müssen, bevor unser Doktorvater sein Placet zum Abfassen der eigentlichen Doktorarbeit gibt. Dadurch wird die wissenschaftliche Leistung bereits im Voraus gegenüber einem (meist) internationalen Gremium unter Beweis gestellt, bevor es an die eigentliche Schreibarbeit geht. Natürlich gibt es auch hier wieder schwarze Schafe, die bestimmt auch ungeschoren davonkommen. Aber die Hürde liegt eben schon einmal etwas höher als in den Gesellschaftswissenschaften.

    Ich habe, wie viele andere auch, 4 Jahre knochenharte Arbeit, eine gescheiterte Ehe (das betrifft zum Glück nicht alle) und derbe Gehaltseinschränkungen neben zahlreichen durchgearbeiteten Nächten, Wochenenden und Ferien in den Titel investiert. Da ist es ganz natürlich, wenn man sich darüber ärgert, wenn mit der akademischen Reputation Schindluder getrieben wird – egal ob es nun einen Minister betrifft. Was wirft es für ein Bild auf die Politiker und die politische Klasse – insbesondere wenn es wie hier um die Konservativen geht, die so viel Wert auf Kardinaltugenden legen?

    So…und jetzt wird weiter geforscht.

    Viele Grüße,
    Harald

  9. @Konrad: Das ist es ja auch, was mich so nervt – er sagt „Dann nenn ich mich nicht mehr Dr.“, vermeintlich in der Hoffnung, sein Faux Pas ist damit entschuldigt und er ist raus aus der Sache. Auf mich macht das nicht den Eindruck nach außen, als ob er sich wirklich bewusst ist, was er da angerichtet hat.

    @Maik: Vermutlich werden jetzt alle Dissertationen deutscher „Spitzenpolitiker“ gründlich untersucht …

    @Raphael: Ja du hast recht, ich kann das auch beobachten, dass mit dem freieren und einfacheren Zugriff auf Informationen die Pflicht, Quellen zu kennzeichnen und zu nennen offenbar nicht mehr so ernst genommen wird. Das macht es leider auch sehr mühsam und schwierig, solche Arbeiten zu begutachten – im Hinterkopf ständig der Verdacht und das Drängen, die ein oder andere Textpassage mal bei Google einzuklimpern um zu sehen, ob die schonmal jemand anders von sich gegeben hat. Das meinte ich auch mit dem großen Schaden, der duch solche Affären wie die von Guttenberg angerichtet wird — „Sie haben eine Doktorarbeit geschrieben? Naja, ist ja heute nicht mehr so schwer *süffisantgrins*“

  10. @Kate:
    Wobei der einfache Zugriff auf Informationen hat aber einen Vorteil: Duplikate lassen sich so einfach finden wie nie (wenn nicht gerade aus einem nicht digitalisieren Werk aus 1912 abgeschrieben wurde).

  11. @Konrad: Jepp. Stimmt. Ist wohl so’n Henne-Ei-Problem.

    @Harald: Ja, da haben wir Mittag auch drüber diskutiert – welchen unterschiedlichen Stellenwert der Doktortitel in den einzelnen Disziplinen eigentlich hat und dass man nen Dr. med. eigentlich nicht mit nem Dr.-Ing. oder Dr. rer. nat. vergleichen kann.
    Mal ne Frage: Hat sich für dich die Dissertation „gelohnt“ in dem Sinne, dass du sagst, du würdest es jederzeit wieder genauso machen?

  12. @Kate: Außer dass ich mir heute ein anderes Thema suchen würde 🙂 würde ich nichts anders machen. Ob er sich rentiert, ist eine andere Frage, die ich in meinem Fall aber unbedingt mit JA beantworten muss, denn ich liebe meine Forschungsarbeit! Um überhaupt erst einmal dazu in der Lage zu sein, wissenschaftliche Forschungsarbeit eigenverantwortlich zu führen, muss man sowohl an der Uni als auch in der Privatwirtschaft mit dem Nachweis daher kommen, dass man das auch tatsächlich kann…..und das tut man ja über den Titel. Als Politiker oder Manager ist der Titel meist „nur“ ein zierendes Beiwerk und hat wenig mit dem Job zu tun….auch wenn der Titel heute wohl immer noch den Weg zu den richtig interessanten Posten erleichtert.
    Privat: Am Anfang ist es schon cool mit „Herr/Frau Doktor“ angeredet zu werden. Jedesmal, wenn man dann aber zu hören bekommt, man wäre ja gar kein „richtiger Doktor“ (weil man ja kein Arzt ist) bekommt man dann die Krise 😉

  13. Was mich am meisten an der Diskussion verstört, ist die Frage: hat niemand in der Uni seine Doktorarbeit Korrektur gelesen, dem das hätte auffallen müssen?

    Bei der Pressekonferenz, als sie ihm den Doktortitel aberkannten, sagte die Uni, dass sie nun stichprobenartig Doktorarbeiten untersuchen würden. Ich frage mich, wieso machen sie das nicht von vornherein?

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