Das Leben

Gestern waren wir mit dem Großen beim Arzt. Wir warteten in einem extra Wartezimmer mit Spielecke, in dem auch eine Liege stand. Meine beiden waren ganz lieb und spielten. Jonas musste dann mal aufs Klo. Unsere Sachen habe ich im Wartezimmer gelassen und nur die beiden Kinder geschnappt. Als wir wieder zurückkamen und schon wieder im Spielzimmer waren, bemerkte ich erst, dass jemand auf der Liege lag und ein großer Rollstuhl daneben stand. Der junge Mann, der dort lag, war offenbar körperlich und geistig behindert und wurde gerade gewindelt. Etwas überrumpelt fragte ich, ob ich mit den Kindern lieber draußen warten sollte. Der Betreuer meinte nur „Nein nein, ist OK, wir sind auch gleich fertig.“

Puh, irgendwie eine unbequeme Situation. Jonas guckte ganz interessiert dem Geschehen zu und ich konnte buchstäblich sehen, wie sich ihm tausend Fragen stellten. Als der junge Mann wieder angezogen und in seinen Rollstuhl verfrachtet wurde, platzte es dann auch aus ihm heraus: „Mama, was ist mit ihm? Warum hat der so eine große Windel an? Warum sitzt er in einem Rollstuhl? Warum macht der solche komischen Geräusche? … “ Im ersten Moment war ich drauf und dran, einfach nur „pssscht“ zu machen und ihm zu sagen, er soll da nicht so hingucken. Macht man ja nicht, behinderte Menschen anglotzen. Am besten gar nicht hingucken, könnte unangenehm sein. Lieber ignorieren.

Nein! Ich habe ihm dann geduldig erklärt, dass der junge Mann ganz krank ist, nicht laufen und nicht sprechen kann, und nicht allein merkt, dass er auf’s Klo muss und deswegen eine Windel anhat. „Aber der ist doch viel größer als ich und ich habe doch auch keine Windel mehr um!“ – „Ja, aber er ist ganz krank und du bist gesund.“ Wir wurden dann auch ins Sprechzimmer reingerufen und damit war das Thema dann auch beendet.

Im Nachhinein habe ich mich gefragt, ob ich mit der Situation richtig umgegangen bin. Habe ich einem Vierjährigen zu viel zugemutet? Mein Gefühl sagt mir aber, dass es falsch gewesen wäre, Jonas‘ Neugier zu unterbinden und die Situation nicht zu erklären.

So vielfältig ist unsere Welt. Es gibt große, kleine, dünne, dicke, schlaue, dumme, kranke, gesunde, eingeschränkte Menschen. Und das sollen meine Kinder lernen. Dass die Vielfalt sich eben auf der ganzen Bandbreite zwischen zwei Polen abspielt. Nur wenn ich ihnen das erkläre, können sie die Welt verstehen lernen.

Wie hättet Ihr reagiert? Hättet Ihr das Zimmer wieder verlassen? Hättet Ihr die Fragen Eures Kindes beantwortet?

 

5 Kommentare

  1. Deine Fragen kann ich nicht beantworten. Ich finde aber, du hast super reagiert und erklärt. Und ich wünsche mir, dass wenn ich mal in einer ähnlichen Situation sein sollte, ich ähnlich gut reagieren kann, und nicht bloss „guck da nicht hin“ antworte…!

  2. Ich finde die Reaktion genau richtig.
    Zum Einen wollte ich auch als kleines Kind immer „richtige Antworten“, wenn ich was gefragt habe.
    Zum Anderen finde ich es souveräner und auch fairer dem anderen gegenüber, eben NICHT verschämt wegzuschauen, sondern sich mit der Neugier des Kindes auseinanderzusetzen – und solche Dinge wie Berührungsängste und Stigmata gar nicht erst entstehen zu lassen.

  3. Ich finde, du hast alles richtig gemacht. Je eher Kinder lernen, dass es große, kleine, dünne, dicke, schlaue, dumme, kranke, gesunde, eingeschränkte Menschen gibt, desto eher können sie damit umgehen und es als normal und selbstverständlich ansehen. In der stillen Hoffnung, dass sie später nicht zu den Menschen gehören, die nur gaffen, tuscheln, verschmät wegschauen und/oder drüber lachen.

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