Eigentlich wollte ich heute Abend etwas ganz anderes schreiben. Ein paar Themen habe ich schon länger in der Blog-Pipeline und eigentlich wollte ich heute über meine USA-Reise schreiben, aber das hier kann nicht länger auf sich warten lassen …

Ich bin kein politischer Mensch. Manchmal hab ich ein bisschen Angst, meine Meinung zu sagen, weil ich immer das Gefühl habe, nicht wirklich viel zu wissen über das, was da draußen so los ist. Kann ich mir da überhaupt eine Meinung bilden? Ist das legitim?

Aber ja, ich mache mir so meine Gedanken. Ganz viel ist schon über die aktuelle Flüchtlingsdebatte geschrieben worden. Ganz viele Menschen haben Angst vor fremden Menschen, die in unser Land kommen, sie befürchten, dass diese Menschen unsere Kultur zerstören und gehen zu tausenden auf die Straße. Das macht mir Angst. Diese Menschen, die mit hasserfüllten Parolen durch die Städte ziehen, erzeugen mehr Furcht als der Gedanke, dass meine Kinder mit Kindern, die in einem anderen Land geboren wurden, zu Schule gehen könnten.

Ich habe keine Ahnung, ob wir, unser Land und unsere Kultur ausreichend vorbereitet sind, so viele Menschen aufzunehmen, sie unterzubringen, ihnen ein neues Leben zu geben. Aber das kann doch kein Grund sein, diesen Menschen notwendige Hilfe zu verweigern. Uns geht es gut. Uns allen in diesem Land. Ja vielleicht bin ich ein bisschen naiv auf meine alten Tage, aber jeder von uns hat ein Dach über dem Kopf, fließendes Wasser, Sachen zum Anziehen, was zu essen. Niemand muss bei uns Angst haben, dass die nächste Rakete ins eigene Haus krachen könnte oder dass in der nächsten Woche kein Strom da ist.  Nochmal: Es geht uns gut.

Niemand verlässt sein zu Hause freiwillig. Heimat ist Heimat. Das gilt erst recht, wenn man gezwungen wird, in eine andere Kultur zu fliehen. Ich verlasse nicht meine Heimat, wenn es mir gut geht, nur weil ich irgendwo gehört habe, dass es in diesem goldenen Europa alles für lau gibt. Ich riskiere nicht mein Leben und das meiner Kinder auf einer sehr langen und unbestimmten Reise für Almosen. Ich mache mich nicht auf den Weg, um ein neues Leben in einer Kultur zu beginnen, die ich abgrundtief hasse.

Flucht. Das ist so etwas, was ich überhaupt nicht begreifen kann. Alles hinter sich lassen, Angst um das Leben der Kinder und Liebsten haben müssen, nicht wissen, was geschieht. Das ganze ist einfach außerhalb meiner Vorstellungskraft.

Ich habe eine syrische Kollegin. Noch nie habe ich so eine starke Frau gesehen. Sie ist auch Doktorandin und hat zwei Kinder. Sie stammt aus Aleppo – wie es dort jetzt aussieht, kann man jeden Abend in den Nachrichten sehen. Von Deutschland aus hat sie ihre Familie in die Türkei gebracht, wo sie jetzt lebt. Eigentlich wollte sie nach Syrien, aber das hat sie nicht gemacht, weil es zu gefährlich war — sie muss doch für ihre Kinder da sein. Die Kinder sind das allerwichtigste. Sie muss für sie da sein. Sie fragt nie um Hilfe und kriegt das alles so auf die Reihe. Sie ist Muslima, sehr bescheiden, sehr religiös, sehr weltoffen. Sie sagt: „Ich bin die Fremde hier, ich muss mich anpassen, ich muss versuchen, die Kultur zu verstehen. Wie kann ich erwarten, dass die Leute hier meine Kultur annehmen? Das ist absurd! Meine Religion ist mir sehr wichtig, aber sie sagt mir auch, dass ich das Leben und die Kultur anderer achte und mit Respekt behandle.“ Manchmal bringt sie auch Kuchen mit für uns alle. Dann lächelt sie leise und freut sich, dass wir uns über den Kuchen hermachen. Ich bewundere sie. Für ihre Stärke, ihren Mut, ihre Offenheit und ihre Backkünste.

Wie können wir solche starken und intelligenten Menschen in unserem Land nicht haben wollen?

Wie können wir so arrogant sein und glauben, wir haben nicht die gottverdammte Pflicht, anderen in Not geratenen Menschen zu helfen?

[photo credits: Stefano Corso]