Werbung für eine App flackerte über mein Handy. Ein sympathischer junger Mann strahlte mich an und verkündete ganz stolz: „Ich habe heute schon drei Bücher gelesen.“

Für einen Bruchteil einer Sekunde war ich beeindruckt. Drei Bücher, dafür brauch ich mehrere Wochen.

Weiter ging der Werbespot. „CEOs lesen 60 Bücher im Jahr“. CEOs. Wow. Das sind doch diese megaerfolgreichen Leute. Viel Lesen scheint also erfolgreich zu machen.

Schlussendlich wurde eine App beworben, die dem Nutzer Zusammenfassungen und Kernaussagen von Büchern präsentiert. So kann man unglaublich viele Bücher „lesen“.

Bigger. Better. Faster. More.

Ähm, nein. Was für ein Bullshit. Lesen ist Entschleunigung. Lesen ist Reflexion. Lesen ist Eintauchen in die Gedankenwelt des Autors. Lesen ist Entspannung. Lesen ist sich auseinandersetzen. Lesen ist Pause vom Alltag. Lesen ist offline sein. Und das kann ich mir von einer App nicht nehmen lassen, auch wenn ich dadurch weniger Bücher lese. Auch in diesem Fall ist ganz klar: Qualität vor Quantität. Lasst Euch da nix einreden.

Lesen ist auch etwas sehr persönliches. Vielleicht sind die Kernaussagen, die _ich_ aus einem Buch ziehe, ganz andere als die, die die nüchterne App ohne Biografie und Lebensumstände präsentiert. Wie ich ein Buch lese und was es mir letzten Ende „bringt“, ist so individuell wie mein Fingerabdruck. Ein Algorithmus, der mir einfach nur ein paar Fakten vor die Füße rotzt (auch wenn das technisch durchaus spannend ist), ist nichts anderes als eine weitere News-App, die mir Schlagzeilen um die Ohren haut, die ich im nächsten Moment wieder vergessen habe.

Das Leseerlebnis braucht meine Auseinandersetzung mit dem, was im Buch steht. Erst der innere Diskurs bringt Erkenntnisse und einen Mehrwert. Und der wiederum braucht Zeit. Zeit die man sich nehmen sollte.